Kasachstan und China: Reiseabenteuer zum Lesen – Interview

Nächster Halt Steppe Dumont Verlag Chris Tomas Stephanie Karraß
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Kasachstan und China: Die Journalistin Chris Tomas hat gemeinsam mit ihrer Freundin Stephanie Karraß eine Reise unternommen, wie sie wohl die wenigsten Menschen in ihrem Leben machen. In ihrem gemeinsamen Buch „Nächster Halt: Steppe – 10000 Kilometer durch Kasachstan und China“ berichten die beiden Frauen von ihren Erlebnissen. Im Interview hat Chris Tomas mir spannende Einzelheiten verraten.

 

Nächster Halt: Steppe – 10000 Kilometer durch Kasachstan und China

 

Chris Tomas, Autorin von "Nächster Halt: Steppe - 10000 Kilometer durch Kasachstan und China" © Chris Tomas

Chris Tomas © Chris Tomas

 

 

Chris Tomas ist freie Journalistin und schreibt für verschiedene Magazine über Themen aus den Bereichen Wissen, Leben, Gesundheit und Reise. „Nächster Halt: Steppe – 10 000 Kilometer durch Kasachstan und China“ ist ihr erstes Buch. Neben dem Schreiben ist die Fotografie ihre Leidenschaft. Ihre Bilder wurden schon mehrfach ausgestellt. Homepage: www.chris-tomas.de

 

 
Wie seid ihr auf die Idee für das Buch gekommen?

Chris Tomas: Das war purer Zufall. Wir hatten die Reise ohnehin geplant. Meine Reisepartnerin Stephanie hat dann auf einer Geburtstagsfeier einen Literaturagenten kennengelernt, der sagte: Mensch, das ist doch spannend, was ihr da macht, wollt ihr nicht etwas darüber schreiben?

Tja, und ein paar Monate später hatten wir dann einen Vertrag.

 

Die kasachische Hauptstadt Astana am Fluss Jesil © Chris Tomas

Die kasachische Hauptstadt Astana am Fluss Jesil © Chris Tomas

Nach Kasachstan und dann auch noch für so lange Zeit fahren ja die wenigsten. Warum hat es dich dorthin gezogen?

Chris Tomas: Ich liebe weite, offene Landschaften, dieses Gefühl der Grenzenlosigkeit. Ich hatte immer Berge im Rücken, egal wo ich gelebt habe. Das ist auch schön, aber manchmal fehlt mir Platz zum Atmen.

Außerdem hat mich an Kasachstan fasziniert, dass es ein noch so unentdecktes Land ist. Was verbindet man denn schon damit? Borat? Als wäre da ein weißer Fleck auf der Landkarte. Mich ziehen solche Orte magisch an.

 

Was war die größte Herausforderung für dich während der Reise?

Chris Tomas: Die größte Hürde war, mich von Ängsten nicht einschüchtern zu lassen. Ich hatte vor dem Abflug ziemlich Muffensausen, weil ich so schwer einschätzen konnte, worauf ich mich einlasse. Was ist, wenn ich irgendwo in der Steppe krank werde? Wenn wir die Strecke nicht schaffen? Oder uns die Einreise verwehrt wird? All diese Sorgen haben sich später als unbegründet herausgestellt. Die größte Herausforderung unterwegs war dann vielmehr, all die Erlebnisse zu verarbeiten. Nach ein paar Wochen auf Reisen hat man oft das Gefühl, dass der Speicher voll ist und man nichts Neues mehr aufnehmen kann. Ich wollte aber bis zum Schluss offen für alles bleiben.

 

Also gab es auch mal Momente, in denen du dich am liebsten nach Hause „gebeamt“ und ein bisschen Urlaub vom Urlaub gemacht hättest?

Chris Tomas: Nach Hause gesehnt habe ich mich wirklich keine Sekunde. Aber eine „Pause“-Taste wäre toll gewesen. So eine Art Knopf, der alles einfriert, bis ich wieder auf „Play“ drücke. Reisen ist großartig, aber gleichzeitig auch sehr, sehr anstrengend. Wenn es nicht gleichzeitig so spannend wäre, müsste man sich fragen: Was mache ich hier eigentlich?

 

Hast du denn gar nichts oder niemanden von zu Hause vermisst?

Chris Tomas: Doch, klar. Meinen Partner, meine Freunde, die Familie, ich glaube, das ist normal. Aber zwei Monate sind nicht zwei Jahre, und am Ende geht die Zeit eher viel zu schnell vorbei. In China habe ich mal ein schönes Glas Wein vermisst. Kasachstan importiert großartige Weine aus Georgien, aber in China gibt es nur ganz schlimmen Fusel.

 

Jurten vor Plattenbauten: Kontraste im kasachischen Balchasch © Chris Tomas

Jurten vor Plattenbauten: Kontraste im kasachischen Balchasch © Chris Tomas

Apropos anstrengend: Wie habt ihr euch unterwegs fortbewegt? Und hattet ihr eine vorher genau festgelegte Reiseroute oder habt ihr spontan entschieden, wie es genau weitergeht?

Chris Tomas: Die Route war relativ fix. In China hat das auch reibungslos geklappt, in Kasachstan mussten wir einmal umdisponieren. Aus der Ferne lässt sich nicht immer einschätzen, ob eine bestimmte Strecke wirklich machbar ist.

Die Entfernungen sind einfach so gewaltig, China ist das viert-, Kasachstan das neuntgrößte Land der Erde. Wir wollten die Strecke aber gern komplett mit Bus und Bahn schaffen, um die landschaftlichen und kulturellen Veränderungen mitzuerleben.

 

Welches Erlebnis hat dich auf der Reise am meisten beeindruckt?

Chris Tomas und Stephanie Karraß in der kasachischen Steppe © Chris Tomas

Chris Tomas und Stephanie Karraß in der kasachischen Steppe © Chris Tomas

Chris Tomas: Oh, da fällt mir die Entscheidung schwer. Im Kloster Labrang habe ich auf einem Spaziergang einen tibetischen Mönch kennengelernt, der mir dann seinen Alltag gezeigt hat. Wir haben den ganzen Tag miteinander verbracht. Er war nur ein paar Jahre jünger als ich, aber sein und mein Leben hätten unterschiedlicher nicht sein können. Das hat mich noch lange beschäftigt. Die schönsten Momente sind oft durch solche Zufälle entstanden. Manchmal einfach nur am Straßenrand. Einmal hat unser Bus mitten in der Nacht auf einem einsamen Rastplatz gehalten. Ich habe mich rausgeschlichen, und um mich herum gab es nur Geröllhalden im Mondlicht.

Dann habe ich entdeckt, dass der Rastplatz ganz in der Nähe des so genannten eurasischen Pols der Unzugänglichkeit liegt, also dem Punkt auf der Erde, der am weitesten vom Meer entfernt ist. Das war ein absolut unglaubliches Gefühl. Und natürlich die Weite der Steppe und der Wüste Gobi… Da verschwindet plötzlich alles, was man noch Landschaft hätte nennen können. Um einen herum gibt nur einen Horizont, sonst nichts.

 

Ein echtes Kontrast-Programm zum Leben in einer Großstadt wie München, wo man immer nur bis zum nächsten Gebäude schauen kann… Klingt so, als wären da auch nicht viele Menschen gewesen. Habt ihr auf eurer Reise auch Einheimische kennengelernt?

Chris Tomas: Klar. Ich habe mich unterwegs viel mit Leuten über Couchsurfing verabredet. Die haben uns dann oft weitergereicht: Wo wollt ihr hin? Ach, da lebt mein Bruder, hier ist seine Nummer! Ganz oft wurden wir auch einfach auf der Straße angesprochen. Rucksackreisende sind in Kasachstan und Westchina noch eine echte Attraktion.

 

Chris Tomas © Chris Tomas

Chris Tomas © Chris Tomas

Da lernt man bestimmt sehr unterschiedliche Leute kennen. Waren da auch mal welche dabei, die euch unheimlich waren oder sehr skurril?

Chris Tomas: Im Scharyn-Canyon in der Nähe von Almaty waren wir mit einem kasachischen Hippie unterwegs, der uns wie wild fotografiert hat und nebenbei eine Sinfonie für Angela Merkel komponieren wollte. Vor Glück rief er alle fünf Minuten: Mahatma! Ich musste mir schwer das Lachen verkneifen. Sonst waren aber wirklich alle, die wir unterwegs kennengelernt haben, unglaublich freundlich und hilfsbereit. Auch Couchsurfing nutze ich schon seit Jahren und habe nie schlechte Erfahrungen gemacht. In den schlimmsten Fällen waren die Treffen langweilig, weil man sich nicht viel zu sagen hatte. Aber ich schreibe auch nicht wahllos Menschen an, sondern lese mir die Profile genau durch, schaue, wen ich spannend finde und verlasse mich dann auf mein Gefühl.

 

Gab es denn abgesehen von den Übernachtungen bei fremden Menschen auch mal gefährliche Situationen auf eurer Reise?

Chris Tomas: Das war die Frage, die uns vor unserem Abflug am häufigsten gestellt wurde: Ist das nicht gefährlich, für zwei Frauen allein? Ich kann nur sagen: Das Gegenteil war der Fall. Sowohl Kasachstan als auch China sind sehr sicherere Reiseländer. In Kasachstan ist Stephanie einmal Geld aus der Tasche gefallen – das wurde uns hinterhergetragen. Ein anderes Mal haben wir einem Taxifahrer eine falsche Adresse genannt. Er fuhr uns trotzdem zur Richtigen, weil er sich dachte: Das ist so weit draußen, das können sie nicht meinen.

 

Du und deine Reisepartnerin, ihr wart ja zwei Monate zusammen unterwegs. Da verbringt man ja sehr viel Zeit mit einem Menschen, mit dem man im normalen Alltag nicht so viel zu tun hat. War das immer einfach oder seid ihr euch da gegenseitig auch mal auf die Nerven gegangen?

Chris Tomas: Es gab Momente, da hätten wir uns gegenseitig an die Gurgel gehen können. In China haben wir uns sogar einmal so gestritten, dass wir ein paar Tage getrennt verbracht haben. Wenn man rund um die Uhr aufeinanderklebt, passiert das einfach. Die meiste Zeit aber hat es gut geklappt. Man muss eben Kompromisse machen und kann nicht immer seinen Willen durchsetzen. Am Ende lernt man dadurch übrigens viel über sich selbst.

 

Unterwegs in Chinas Westen:Unterwegs in Chinas Westen: Kamele stört die Hitze nicht © Chris Tomas

Unterwegs in Chinas Westen: Kamele stört die Hitze nicht © Chris Tomas

Zusammenfassend: Was waren die größten Unterschiede zwischen Kasachstan und China?

Chris Tomas: Ich dachte eigentlich, die Reise über Land würde ein fließender Übergang sein. Aber Kasachstan und China sind völlig verschieden, vor allem im Selbstverständnis. Kasachstan wurde erst 1991 unabhängig, ein junges Land, das seine Identität noch sucht und für viele Richtungen offen ist.

China als ehemaliges Kaiserreich dagegen blickt auf eine jahrtausendealte Hochkultur zurück und begreift sich selbst als Zentrum der Welt. Das spürt man. In Kasachstan mochte ich gerade dieses Unvollkommene. China ist moderner, gleichzeitig sind die Kontraste schärfer. Man kann keine zwanzig Meter gehen, ohne irgendetwas völlig Verrücktes zu entdecken.

 

Und wo geht’s als nächstes hin?

Chris Tomas: Auf jeden Fall wieder ostwärts. Da gibt es noch so vieles, was mich reizt: Georgien, Sibirien oder nach Odessa … Gib mir ein Ticket, und ich fahre sofort los.

 

Wer jetzt Lust hat, das ganze Buch zu lesen, kann es hier kaufen:

 

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